Bau eines altnordischen Langschiffes
Bericht Teil 2: Die Anlieferung der Baumstämme (als PDF-Datei)
(Projektleitung: Tillmann Streich)
1. Zur Gestaltung des Schiffs
Eine große Besonderheit dieses Schiffes ist, dass seine Form nicht nach Ausgrabungen rekonstruiert oder von bereits entwickelten Plänen kopiert wird. Nach dem Studium der zweckgebundenen Konstruktionsmerkmale anhand vieler Rekonstruktionspläne hat sich die Bauplanung zu einer für die geplante Nutzung geeigneten Konstruktion entschieden. Die genaue Ausformung soll, wie es vor Zeiten war, nach Schnur, Lot und Auge und nach dem gefundenen Kiel- und Stevenbäumen erfolgen. Dieses Schiff wird also der erste echte Neubau eines Langschiffes nach 1000 Jahren. Niemand kann heute behaupten, er wüßte genau, wie der Schiffsbau in allen Einzelheiten vonstatten ging. Umso interessanter wird es sein, ohne vorausberechnete Zuschnitte die Plankengänge und letztendlich den ganzen Schiffsrumpf zu entwickeln. Das ist zur Zeit nach unserer Kenntnis einmalig und sowohl aquadynamisch als auch handwerklich hoch interessant.
2. Zum angewandten Handwerk
Handwerklich stellt der Bau insofern eine große Herausforderung dar, als alle Bauteile zur Gänze aus ihrem Naturzustand gewonnen werden müssen. Dies geschieht nicht wie heutzutage oder auch zu Zeiten des Koggenbaus mit Sägen, sondern wie dereinst mit Keilen und Äxten. Diese Vorgehensweise beruhte nicht auf der technischen Rückständigkeit damaliger Schiffsbaumeister, sondern auf der Konstruktionsphilosophie der Schiffe.
Diese waren trotz ihrer beachtlichen Ausmaße leicht und elastisch gebaut. Die notwendige Stabilität kann nur dadurch erzielt werden, dass der Faserverlauf des Holzes weitestgehend der Form des Bauteils entspricht. Um das zu erreichen, müssen passend gewachsene Hölzer gefunden werden, die entlang des Faserverlaufes gespalten und mit einem Sortiment an Äxten fertig gearbeitet werden. Für die meisten Bauteile ist auch die Lage der Jahresringe im Holz entscheidend wegen der Quellrichtung und der Bruchfestigkeit. Aber nicht nur das Holzhandwerk kommt bei diesem Bauvorhaben zum Zuge. Rund 5000 Eisennieten werden von Hand geschmiedet, für die Takelage wird eigens eine Reeperbahn entstehen und für die Wollsegel werden große Webstühle gefertigt.
3. Zur Nutzung während der Bauphase
Es wird angestrebt, in den Bau möglichst alle Interessierten einzubeziehen. Schon jetzt während der Fertigung des Kiels hat sich eine treue Anhängerschaft aus dem dörflichen Umfeld gebildet, die die Ursprünglichkeit der Arbeit schätzen gelernt hat und zunehmend Fertigkeiten entwickelt. Die wachsende Gemeinschaft soll später durch wandernde Gesellen verstärkt werden.
4. Zur Nutzung bei der Erprobung
Während der 5-jährigen Bauzeit wird sich ein Gemeinschaftskern herausbilden, der auch die Kernmannschaft, die das Schiff erproben wird, stellt. Neben den Ruder- und Segeleigenschaften soll nach und nach auch die Hochseetüchtigkeit erprobt werden. Auch das Auflanden und das Mastumlegen und -aufrichten soll geübt werden.
5. Expeditionen
Nach der Erprobungsphase wird feststehen, zu was das Schiff in der Lage ist. Von diesen Ergebnissen wird abhängen, welche Expeditionen gewagt werden können. In jedem Fall ist im Rahmen von Küstensegelei ganz Europa erreichbar, so dass unzählige historische Ziele angelaufen werden können.
6. Angebote für Zielgruppen
Mindestens genau so interessant wie die Erprobung der Leistungsfähigkeit des Schiffs und das Ersegeln historischer Ruten wird es sein, möglichst breite Bevölkerungsschichten von dieser mehr als 1000 Jahre alten Hightec zu begeistern.
Hierzu würden sich für den allgemeinen Tourismus Tages- und Wochentouren mit Abenteuerromantik anbieten. Zusätzlich werden auch spezielle Zielgruppen angesprochen, die die Mischung aus persönlichem Krafteinsatz, Mannschaftszusammenhalt und Teambildung interessieren könnte. Das wären z.B. Betriebe, die personalentwicklerische Maßnahmen wünschen, Schwererziehbare, Übergewichtige.
7. Öffentliche Vorführungen
Des Weiteren werden Auftritte zur Finanzierung und Popularität des Schiffes beitragen. Teilnahmen an Hafengeburtstagen, Regatten wie der Kieler Woche, oder der Schlacht Hastings, werden Plattformen, auf denen die Mannschaft zeigen kann, was sie trainiert hat. Nachdem schon der Schiffsbau Bekanntheit erreicht haben wird, wird auch das fertige Schiff Besucher nach Haseldorf locken und gerade im Zusammenhang mit den entstandenen Handwerkern die touristische Attraktivität steigern.
Technische Daten:
Länge: ca. 22,0 m
Breite: ca. 4,2 m
Tiefgang: ca. 1,0 m
Verdrängung: ca. 18,0 t
Lehrgewicht: ca. 7,0 t
Balast: ca. 4,6 – 7,8 t
Besatzung: 32/64 Mann
Ruderplätze: 30
Beseglung: 1 Rechtecksegel
Material: Eiche
Weitere Informationen können von uns, der Midgard-Stiftung, per E-Mail (infoatmidgard-stiftung.de) oder über unser Forum erfragt werden.